Vom Sinn und Unsinn des Genderns

Das Thema Gendern ist sicherlich nicht neu, der Grund warum ich mich mit dem Thema beschäftige ist zumindest für mich aktuell. Vor kurzem entbrannte bei uns in der Grünen Jugend Gelsenkirchen eine Diskussion darüber, ob Gendern notwendig sei oder reiner Blödsinn. Und spätestens auf dem Bundeskongress der letztes Wochenende in unserer schönen Stadt stattfand wurde klar welche wichtige Rolle das Thema in der Grünen Jugend einnimmt.

Jeder ist vermutlich schonmal auf das Gendern getroffen oder hat es selbst angewendet, aber für diejenigen die mit dem Begriff vielleicht nichts anfangen können hier eine kleine Definition.

Gendern heißt im Duden „ das Gender-Mainstreaming (auf etwas) anwenden“.

Gender-Mainstreaming ist die „Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen“.

Gender und Geschlecht ist dabei nicht als das biologische Geschlecht zu sehen, sondern als Bezeichnung „für die Geschlechtsidentität des Menschen […] (z.B. im Hinblick auf Selbstwahrnehmung, Selbstwertgefühl, Rollenverhalten)“.

Von Gendern spricht man sehr häufig auch in der Sprache und zwar immer dann, wenn man auf eine Formulierung achtet die entweder geschlechtsneutral ist oder beide Geschlechter gleichermaßen ansprechen möchte. Neutral wäre z.B. die Anrede „Sehr geehrter Studierende“, die Alternative wäre z.B. eine Dopplung wie „Sehr geehrte Studenten und Studentinnen“. Da jedoch grade die letzte Formulierung im alltäglichen Sprach- und Schreibgebrauch sehr lang und umständlich ist wird häufig auf das sogenannte Binnen-I (StudentInnen) oder Gender-Gap (Student_innen) zurückgegriffen. Andere Kurzformen sind auch noch die Verwendung von Klammern (Student(innen)) oder von Schrägstrichen (Studenten/-innen).

All diese Lösungen sind Empfehlungen der Redaktion des deutschen Duden, wenn sie auf das Thema der Gleichberechtigung in der Sprache angesprochen werden, jedoch mit dem Zusatz, dass viele dieser Lösungen aus bundesdeutscher Sicht immer noch Rechtschreibwidrigkeiten darstellen.

Dopplungen werfen allerdings auch die Frage auf ob man ein „Titanic-Prinzip“ anwenden soll/dar/muss: Also welches Geschlecht wird zuerst genannt? Nennen wir die Männer zuerst fühlen sich Frauen eventuell untergeordnet, nennen wir sie zuerst halten wir an alten Denkmustern fest nach dem Motto „Frauen und Kinder zuerst“.

Richtig problematisch wird die Verwendung von gegenderten Begriffen in Kurzform dann, wenn sie nach ihrer Umsetzung nicht mehr in unsere Alltagssprache passen, weil sie schlichtweg falsch klingen/sind. Beispiele dafür findet man besonders bei Wörtern die je nach Geschlecht den Wortstamm verändern, wie z.B. Arzt/Ärztin oder Bauer/Bäuerinnen.

Allein das sorgt bei mir schon zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Gendern: ich finde die Umsetzung im Alltag einfach nicht praktikabel.

Doch lassen wir mal das Gerede von Sprachästhetik beiseite. Ich verstehe durchaus welchen Sinn das Gendern hat. Frauen und Männer sollen gleichberechtigt sein und man versucht dies auch in der Sprache zu zeigen und so eventuell auch Einfluss auf bestehende sexistische Denkmuster zu nehmen.

Ich persönlich hatte nie das Gefühl das die deutsche Sprache Frauen ausschließen wollte und ich denke in vielen Köpfen ist dieser Gedanke erst durch die „Gender-Debatte“ entstanden.

Natürlich bin ich für Gleichberechtigung, doch ich habe auch das Gefühl das wenn wir an Stellen Gleichberechtigung fordern an denen sie eigentlich nicht ausgeschlossen werden, wie dem Bereich der Sprache, erst dadurch ein Gefühl der Diskriminierung erzeugen. Es gibt bestimmt noch viele Bereiche in denen Frauen diskriminiert werden (unterschiedliche Löhne z.B.) und an denen sollten wir auch weiterhin arbeiten. Man könnte auch sagen, dass wir die Sprache als Messinstrument verwenden um zu sehen wie sehr Frauen integriert sind. Provokariv fomruliert würde das die Frage aufwerfen: Verdecken wir dann durch erzwungene Sprachänderung nicht die wahre Diskrimination? Ich weiß leider nicht mehr woher folgende Aussage stammte, aber jemand sagte einmal, dass wenn wir keine größeren Probleme als ein Binnen-I hätten es den Frauen ja ganz gut zu gehen scheint.

Ich selbst habe bisher nie wirklich das Gefühl gehabt bei irgendetwas benachteiligt zu werden, weil ich eine Frau bin. Vielleicht bin ich die glückliche Ausnahme, doch ich denke das es vielen Frauen ähnlich geht.

Im Gegenteil kam mir beim Bundeskongress der Gedanke, ob die Regelungen und Strukturen, die wir zur Gleichstellung der Frauen geschaffen haben nicht gleichzeitig zur Diskriminierung der Männer führt. Klaus Hurrelmann, Sozial- und Bildungswissenschaftler der Universität Bielefeld, formuliert es sehr treffend: „Mit der Frauenförderung, die in den sechziger, siebziger Jahren begann, waren wir sehr erfolgreich. […] Doch vielleicht ist das ein Grund für das jetzige Männerproblem: Wir haben darüber die Männer vergessen.“

Fängt man mal bei der Sprache an: Gerade das Binnen-I hebt die Frau überdeutlich hervor. Mir zumindest fällt es schwer bei dem Wort StundentInnen noch den Studenten zu erkennen.

Wir quotieren Ämter: Ich finde es gut zu fordern, dass auch Frauen durch Frauen in wichtigen Ämtern vertreten werden. Die Forderung nach Frauenplätzen kann ich also durchaus unterstützen. Damit stellen wir sicher, dass die weibliche Sicht berücksichtigt. Doch den zweiten Platz als geschlechteroffenen Platz auszuschreiben empfinde ich den Männern gegenüber als unfair. Wer vertritt die Meinung der Männer sollten beide Plätze durch Frauen belegt werden? Viele werden jetzt sagen, dass sie ja auch von Männern gewählt werden, aber was spricht dagegen den Männern ebenfalls die Möglichkeit eines quotierten Platzes zuzusichern, außer sie geben ihn frei (denn diese Möglichkeit besteht ja). Das wäre wahre Gleichberechtigung.

Frauentoiletten und offene Toiletten: Das Prinzip des Frauenplatzes und des offenen Platzes wird gerne auch für Toiletten und Duschen gefordert. An dieser Stelle Frage ich einfach nur: Haben Männer nicht genauso wie Frauen ein Recht auf Privatsphäre? Wenn man schon Unisex-Toiletten möchte dann doch bitte ausschließlich oder zusätzlich.

Wir quotieren Redelisten: Hier sollte man zuerst zwischen weicher und harter Quotierung unterscheiden. Eine weichen Quote behandelt Frauen in der Hinsicht bevorzugt, indem sie früher dran genommen und so sichern will, dass ein möglichst ausgeglichenes Verhältnis an Redebeiträgen entsteht. Bei einer harten Quote MUSS jeder zweite Redebeitrag von einer Frau stammen ansonsten wird die Debatte sofort beendet. Und genau hier sehe ich ein Problem: Wieso können wir uns als Frauen das Recht rausnehmen den Männern den Mund zu verbieten nur weil wir uns nicht zu einem Thema äußern wollen. Wir vertreten Meinungsfreiheit und demnach sollte jeder auch die Möglichkeit haben seine Meinung zu vetreten. Nur weil ich mich als Frau nicht Hinstellen möchte um meine Meinung zu vetreten, kann ich das anderen nicht untersagen. Wenn wir gehört werden wollen müssen wir uns auch trauen zu sprechen und das nicht auf Kosten der Männer!

Die Gleichstellung des einen sollte nicht auf dem Rücken eines anderen ausgetragen werden.

 

 

4 Gedanken zu “Vom Sinn und Unsinn des Genderns

  1. Ich habe heute in der Umfrage zum BuKo am Ende feststellen müssen, dass im Dropdown-Menü beim Geschlecht (Punkt 17) zur Auswahl standen: “Weiblich”, “Nicht Weiblich” und “Kein Geschlecht” – und da beschweren sich die Frauen in der GJ immernoch über Sexismus und Diskriminierung?

  2. @ SMZ: Das ist keine Diskriminierung, das ist reine Idiotie (sofern das tatsächlich ernst war, was ich nicht hoffen möchte)…

    Mena, danke für link und Beitrag! Meiner Meinung nach ist das Schlimme an der ganzen Sache mit diesen verqueren Formen von ‘Frauenförderung’: Die echten Probleme (Einkommen, Karrierechancen, sexualisierte Gewalt etc.) werden damit nicht im Ansatz angegangen. Stattdessen erfindet man sich neue, liefert die vermeintlich ‘einfachen’ Lösungen gleich mit – ein Binnen-I setzen kann jeder Depp, ohne darüber nachdenken zu müssen, echte gesellschaftliche Probleme kann man aber leider nicht ‘wegschreiben’ – und meint/behauptet, man habe etwas für Frauen getan, während man das Gegenteil des Gewünschten erreicht, indem man neue Ungerechtigkeiten schafft und damit (zu recht) andere gegen sich aufbringt. Wer solchem Unsinn das Wort redet, ist m.E. mit dafür verantwortlich, dass viele Menschen/Männer das ‘Geschwafel’ von Sexismus gegen Frauen nicht mehr ernst nehmen können.

  3. Zur Sprache:
    Dieses komische I-Dings finde ich nervig, den _ ebenso… sieht so aus als hätte man vergessen ein “e” zu kaufen oder so…
    Generell finde ich die Idee, die Sprache geschlechtsneutral zu gestalten ganz gut, aber diese Hilfskonstrukte sind erstens inkonsequent und gehen zweitens nach wie vor von der Unterscheiung zwischen männlich und weiblich aus, wobei ja vielleicht der eine oder andere sich weder als das eine noch das andere sieht, was ja nach Deiner kurzen Erklärung zu Gender durchaus möglich ist.
    Also, wenn neutral, dann richtig. Dann komplett weg mit dem Geschlecht. Und damit keiner diskriminiert wird, weil wir jetzt die männliche oder die weibliche Schreibweise zur Allgemeinform erklären, vielleicht gleich noch ‘nen neuen Nominativ für alle Wörter erfinden. Hätte ich nichts gegen… es wird ein paar Generationen dauern, bis es sich durchgesetzt hat, aber nu, damit kann man leben.

    ABER: Damit wäre die Gleichberechtigung in den wichtigen Belangen tatsächlich kaum weitergekommen. Im Türkischen gibt es kein grammatikalisches Geschlecht. Ist die Türkei dadurch weniger sexistisch als Deutschland?

    Und was Quoten angeht kann ich nur zustimmen:
    Wenn, dann konsequent: 50% Frauen, 50% Männer! “Die Hälfte der Macht den Frauen” muss auch bedeuten “die andere Hälfte den Männern”. Faktisch wird sich das Problem, dass die Männerquote nicht erfüllt wird (wo auch Männer zur Verfügung stehen), vielleicht vorerst nicht stellen, aber so prinzipiell wäre es ein wichtiges Signal.

    Harte Quoten sind hier und da vielleicht angebracht, wo man jetzt einfach dafür sorgen will, dass Frauen/Männer nachrücken um langfristig die 50% zu erreichen. Allerdings muss es auch immer die Möglichkeit geben, die entsprechende Stelle gegen die Quote zu besetzen, wenn grad’ mal niemand des entsprechende Geschlechts zur Verfügung steht. Alles zu blockieren macht in der Tat keinen Sinn.

    • Ich glaube das Problem ist auch das bei uns in der Grundschule kein Unterschied zwischen grammatikalischem und biologischem Geschlecht gemacht wird, weil es meistens passt. Allein mit dieser Begrifflichkeit sensibler umzugehen würde schon etwas ändern denke ich

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